Nationalratswahl 2002

Die Positionen der Plattform für Architektur und Baukultur anlässlich der Nationalratswahl 2002

Das Positionspapier ist als Beitrag zu einer Österreichweiten Diskussion zum Thema „Politik und Baukultur“ zu sehen, sowie als Impuls für eine weitere und vertiefte Auseinandersetzung mit Planungskultur und Architekturpolitik.:

Baukultur betrifft alle Menschen unmittelbar. Architektur schafft Räume zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Lernen, wie zum Verwalten und Regieren. Dementsprechend prägt Architektur/Baukultur die Menschen in diesem Land, sowie das öffentliche Erscheinungsbild der Straßen und Plätze, Städte und Dörfer – niemand kann sich ihr entziehen! Der Bürger hat ein Recht auf eine anspruchsvolle Gestaltung und zeitgemäße Lösungen von Planungs- und Bauaufgaben. Die Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung für räumliche, soziale und gestalterische Qualitäten muss durch qualifizierte und breit angelegte Architekturvermittlung (z.B. auch in Schulen) gefördert werden.

Baukultur schafft Lebensqualität und bestimmt wesentlich den kulturellen, sozialen und ökologischen Standard unseres Landes. Deshalb fordern wir die politisch Verantwortlichen auf, ein klares Bekenntnis zur Baukultur, insbesondere zur zeitgenössischen und qualitativ hochwertigen Architektur, sowie zu einer hoch qualifizierten Planungskultur abzulegen. Österreich braucht eine vernetzte Planungskultur, sowie eine engagierte Architekturpolitik! Baukultur hat einen ganzheitlichen und Ressort übergreifenden Anspruch, dem eine Zersplitterung in Randbereiche der kulturellen bzw. wirtschaftlichen Angelegenheiten zuwider läuft.

Architekturpolitik als Imageträger. Einige europäische Regierungen, etwa in den Niederlanden und Finnland, haben bereits erkannt, dass durch eine engagierte Architekturpolitik nicht nur wirtschaftliche Erfolge, sondern zusätzlich ein entsprechender Imagegewinn verzeichnet werden kann, der im Wettbewerb der europäischen Nationen auch positive Auswirkungen auf die Lagegunst zeitigt. Eine solche aktive Architekturpolitik benötigt neben dem politischen Willen entsprechend kompetente Strukturen mit ausreichenden budgetären Mitteln (z.B. in den Niederlanden 13,6 Mio. EUR im Jahr 2001).

Die Förderung der Planungskultur als Wirtschaftsmotor. Ein Großteil des Volksvermögens in Österreich ist in Immobilien investiert. Die gezielte Förderung von Planungskultur und Architekturqualität stellt somit eine wichtige und lohnende Investition zur Hebung des Volksvermögens dar. Derzeit werden nur etwa fünf Prozent aller in Österreich gebauten Objekte von qualifizierten Architekten realisiert. Die Politik ist daher gefordert, ganzheitliche Qualitätsstandards für das Bauen zu schaffen, die eine spürbare Steigerung der Baukultur bewirken, indem unter anderem eine dicht vernetzte, interdisziplinäre Planungskultur ermöglicht wird. Von den ca. 15 000 Arbeitsplätzen im Bereich Architektur sind beinahe die Hälfte aufgrund der widrigen Arbeitsbedingungen akut bedroht. Ziel einer Architekturpolitik muss es daher sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Ingenieuren und Architekturschaffenden die Sicherung der Bauqualität auch wirtschaftlich ermöglichen. Diese Sicherung kann nur durch die Anerkennung und Honorierung der Planungsleistungen und eine entsprechende Ausbildung der PlanerInnen, sowie qualifizierte Planungsprozesse garantiert werden – Architekten und Ingenieure sichern Qualität!

Architektur ist kein Luxus für Minderheiten, sondern schafft einen Mehrwert, von dem alle Österreicher profitieren könnten. Über 75 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung geben an, als einer ihrer größten Lebenswünsche ein individuelles Eigenheim errichten bzw. bewohnen zu wollen. Die Verankerung der Baukultur als wesentlicher gesellschaftlicher Grundwert entspricht daher nicht nur einem demokratischen Selbstverständnis, sondern garantiert auch unseren Kindern eine lebenswerte Umwelt. Die Qualitäten von Gebäuden und Freiflächen prägen oft für Generationen das öffentliche Erscheinungsbild.

Infrastruktur prägt Raum und Umwelt maßgeblich. Nur eine ganzheitliche und qualitätsvolle Planung des Raumes und der entsprechenden Infrastruktur können die Lebensqualität unserer Umwelt sichern und erhalten. Vor allem bei Bauaufgaben der „öffentlichen Hand“ ist eine sorgfältige Planung und Realisierung nur auf Basis eines inhaltlichen Qualitätswettbewerbes, sowie durch die konsequente Trennung von Planung und Ausführung zu gewährleisten. Der Staat als oberster Bauherr muss mit gutem Beispiel voran gehen und bei seinen Bauvorhaben ausnahmslos diese Bau(herrn)kultur überzeugend vorleben. Architektonische Qualität und ganzheitliche Planungskultur muss aber auch für jene privaten Baulichkeiten sicher gestellt werden, die den öffentlichen Raum stark prägen. Soziale Gerechtigkeit bedingt das Streben nach räumlicher Gerechtigkeit. Diese beinhaltet auch die räumliche Qualität!