Was schon geschehen ist

Baukultur betrifft uns alle in vielfältiger Weise. Ein Bewusstsein über die breite Bedeutung von Baukultur entwickelt sich jedoch erst nach und nach, ebenso die Einsicht, dass ein Zusammenwirken unterschiedlicher Beteiligter über die Qualität und das Gelingen von Baukultur entschiedet. In einem stark föderativen Gemeinwesen wie dem österreichischen ist es daher von besonderer Wichtigkeit, dass im Umgang mit der Querschnittsmaterie Baukultur Diskurs und demokratisch-partizipative Strukturen gepflegt werden.

© Plattform Baukulturpolitik

1987 wird das Bundesministerium für Bauten und Technik aufgelöst, seine Agenden werden auf unterschiedliche Ministerien verteilt beziehungsweise
aus der unmittelbaren Bundesverwaltung ausgelagert. Betroffen sind etwa die Bundeswohnbauforschung oder das Normenwesen. Seitdem fehlt es oftmals an Strategien und an Verbindlichkeit für die Weiterentwicklung von Baukultur.

1988 Verländerung der Wohnbauförderung, Bundeskompetenz nur mehr minimal.

1988 Gründung des Hauses der Architektur (HDA) in Graz als erstes regionales Architekturhaus in Österreich. Bis 1997 folgt die Gründung solcher Institutionen in allen Bundesländern. Bereits seit 1965 gibt es die Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGFA), seit 1907 die Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs.

1992 Gründung der Bundesimmobiliengesellschaft. Gründung des Gestaltungsbeirats in Zwischenwasser/Vorarlberg: erster Gestaltungsbeirat im ländlichen Raum. Bereits 1983 wurde in der Stadt Salzburg der erste österreichische Gestaltungsbeirat etabliert.

1993 Gründung des Architekturzentrums Wien Az W. Ratifikation der Welterbekonvention durch Österreich. Einführung des Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetzes: Folgenabschätzung von Großbauvorhaben.

1996 Gründung Architekturstiftung Österreich als gemeinsame Plattform der Architekturhäuser.

Im Vorfeld der Nationalratswahl 2002 bildete sich eine Gruppe engagierter Personen, um Architektur, Raum- und Landschaftsplanung sowie Ingenieurwesen zum Thema der politischen Diskussion zu machen. Es wurden Gespräche geführt, Aktivitäten initiiert, Prozesse begleitet und Fachexpertise eingebracht.

Neben der Wirkung nach außen war dabei auch die interne Vernetzung sehr wesentlich: alle relevanten Akteur*innen aus dem Feld der Architektur und Baukultur kamen (und kommen bis heute) in der Plattform Baukulturpolitik (anfangs: Plattform für Architekturpolitik und Baukultur) zusammen, um in dieser Geschlossenheit die gemeinsamen Baukultur-Anliegen gegenüber Politik und Verwaltung bestmöglich zu vertreten.

Seit Gründung der Plattform werden regelmäßig österreichweite Klausuren zur Präzisierung der inhaltlichen Positionierung abgehalten, bei denen Schwerpunkte der Arbeit gemeinsam diskutiert und ausgearbeitet werden.

1. Klausur

© Plattform Baukulturpolitik

2004 erfolgte auf einstimmigen Beschluss aller Parteien die Abhaltung einer parlamentarischen Enquete zu Architekturpolitik und Baukultur im Saal des österreichischen Nationalrats im Parlamentsgebäude. Fachleute aus dem In- und Ausland gaben dabei Einblick in die unterschiedlichen Aspekte des Planens und Gestaltens und diskutieren darüber mit den Parlamentarier*innen.

 

Parlamentarische Enquete zu Architekturpolitik und Baukultur, März 2004

© Plattform Baukulturpolitik / Armin Badel

Im Rahmen der österreichischen EU-Rastpräsidentschaft 2006 machte sich die Plattform für die Abhaltung eines Treffens des Europäischen Forums für Architekturpolitik stark, das in Wien stattfand und in Kombination mit den Architekturtagen auch als "Architektur.Fest.Europa" gefeiert wurde.

Architektur.Fest.Europa, Juni 2006

© Plattform Baukulturpolitik

Als Ergebnis der Enquete erschien 2006 erstmals der österreichische Baukulturreport, erarbeitet von der ARGE Baukulturreport (Plattform für Architekturpolitik und Baukultur und T.C. Bauträgergesellschaft/Hartwig Chromy) als umfassende Bestandsaufnahme. Er zeigt auf, wo baukulturrelevante Entscheidungen getroffen werden, welche Prozesse für die Verankerung von Baukultur entscheidend sind und welche Auswirkungen daraus für Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt entstehen.

Als eine Empfehlung aus dem Ersten Baukulturreport wurde 2008 auf Bundesebene der Beirat für Baukultur im Bundeskanzleramt als übergeordnetes Gremium eingerichtet, in dem alle Ministerien sowie Vertreter*innen der Bundesländer und der Architektur- und Baukulturszene zusammen kommen, um das Prinzip Baukultur bestmöglich zu verankern und den Dialog zu stärken. Die Plattform ist in diesem Gremium als NGO mit drei Sitzen vertreten.

Auch auf Länderebene wurden unterschiedliche Aktivitäten gesetzt: etwa 2009 mit der Erarbeitung der Baupolitischen Leitsätze des Landes Steiermark. 2014 folgten die baukulturellen Leitsätze der Stadt Wien. Seit 2012 gibt es eine niederösterreichische Baukulturdeklaration, und 2020 beschloss das Land Kärnten Leitlinien für eine zukunftsfähige Baukultur.

2011 wurde der Zweite Österreichische Baukulturreport unter Federführung der Plattform Baukulturpolitik vorgelegt.
Er fokussiert auf drei im Kontext von Baukultur besonders relevante Handlungsfelder unter den Schlagworten „Zukunftsfähig“ – mit der Darstellung von wesentlichen Säulen der Nachhaltigkeit, „Bürgernah“ - mit der Verankerung von Baukultur auf kommunaler Ebene und „Kompetent“ – mit Schwerpunkt auf Schulbau und Baukulturvermittlung.

2014/15 erreichte die Postkartenserie „Wandelbares Österreich“ eine breite Öffentlichkeit, darunter alle Abgeordneten auf Bundes- und Landesebene. Dabei zeigten „Urlaubsgrüße“ jene Umgebung, mit der wir in Österreich täglich konfrontiert sind und die so gar nichts mit der Postkarteidylle üblicher touristischer Sujets zu tun hat.

In einem intensiven Prozess erfolgte in den Jahren 2016/17 die Erarbeitung der Baukulturellen Leitlinien des Bundes, bei denen die Plattform sowohl für die Durchführung des Baukulturkonvents als auch bei der Entwicklung der Inhalte eingebunden war.

Mit dem Dritten Baukulturreport, wieder von der Plattform Baukulturpolitik verfasst, wurde 2017 der Blick in die Zukunft gerichtet und die Perspektive der Betrachtung verändert. Statt aus der Erfahrung der gegenwärtigen Situation heraus Schritte zu empfehlen, die in eine bessere Zukunft führen, wird der Möglichkeitssinn der Leser*innen herausgefordert, um aus der Perspektive zugespitzter Zukunftsszenarien des Jahres 2050 auf die gegenwärtige Situation quasi zurück zu blicken. Im Fokus stehen dabei vier besonders relevante Politikfelder: Landschaft als Ressource, Stadt und Region, Wohnbau und öffentlicher Sektor. Drei Szenarien zeigen dabei sehr unterschiedliche mögliche Entwicklungen auf.

2018 beschlossen die europäischen Kulturminister*innen in Davos in der Schweiz die Erklärung von Davos für eine hohe Baukultur für Europa. Mit dabei für Österreich war Christian Kühn, Vorsitzender des österreichischen Beirats für Baukultur.

2018 Im Rahmen der österreichischen EU-Rastpräsidentschaft wird erneut eine Konferenz zur Architekturpolitik und Baukultur in Wien abgehalten. Die Plattform beteiligt sich an der Konfedrenz mit dem Themenschwerpunkt „High Quality Building for Everyone. Baukultur and the Common Good in Europe“. Die ausführliche Dokumentation dazu finden sie hier zum download.

Analyse des Regierungsprogramms 2020

Zuständig für Kultur und somit auch für Baukultur in der zukünftigen Regierung wird Ulrike Lunacek sein, die ebenso wie die bisher verantwortlichen Minister und Staatssekretäre auch noch weitere Themen bearbeiten muss (Regierungskoordination, Vizekanzleramt). Weitere für Baukultur wichtige MinisterInnen werden Leonore Gewessler als Umwelt-, Verkehrs- und Energieministerin, Margarete Schramböck als Wirtschaftsministerin, Alma Zadić als Justizministerin und Heinz Faßmann als Bildungsminister sein – und natürlich Gernot Blümel als Finanzminister.

Ebenso wie bereits 2017 werden die vor 2,5 Jahren beschlossenen Baukulturellen Leitlinien des Bundes im neuen Programm erwähnt – im Unterschied zum letzten Mal geht es über die Erwähnung etwas hinaus, genannt sind die Entwicklung eines Umsetzungsplans und die Stärkung des ländlichen Raums, was im Zusammenspiel mit dem Masterplan ländlicher Raum sicherlich sinnvoll ist (49, 147). Die wichtigen nächsten Schritte, die in den Leitlinien vorgesehen sind (Städtebauförderung, Agentur für Baukultur), werde nicht angesprochen, müssen aber natürlich Thema des Umsetzungsplans sein – die Städtebauförderung wird ebenso für die geplante bundesweite Förderstrategie relevant sein (17). Gerade und auf spezielle Weise für den Bereich der Baukultur wichtig – in der Einleitung des Kulturkapitels steht: „Dabei ist stets zu bedenken, dass künstlerische Positionen einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie etwa Klimawandel oder Integration im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und Problemlösungsstrategien mit zu entwickeln.“ Die folgende Analyse des aktuellen Regierungsprogramms ist anhand der Baukulturellen Leitlinien des Bundes strukturiert. Noch ein Punkt: Die Unterschiede zwischen diesem und dem letzten Regierungsprogramm bzw. den Programmen der letzten beiden Jahrzehnte generell sind hinsichtlich Baukulturthemen geringer, als man denken würde. Wichtig ist weniger, was im Regierungsprogramm steht, als vielmehr, was davon tatsächlich umgesetzt wird.

Robert Temel, Jänner 2020
(Ich danke Renate Hammer, Rupert Halbartschlager, Barbara Feller, Christian Kühn und Gerhard Kopeinig für Unterstützung.)

In den vergangenen fast zwei Jahrzehnten wurde einiges erreicht, aber noch immer bleibt viel zu tun, denn Baukulturpolitik ist kein Selbstläufer. Viele Handlungsempfehlungen der Baukulturreports sowie Empfehlungen des Beirats für Baukultur warten immer noch auf Umsetzung.
Die Forderungen der Plattform Baukulturpolitik finden Sie hier.