Was uns alle betrifft

Baukultur ist kein Thema allein für Spezialist*innen, also beispielsweise für Architekt*innen und Bautechniker*innen. Bei Baukultur geht es um unser aller Lebensumfeld. Unsere heutige Welt besteht fast ausschließlich aus von Menschen gestalteten Räumen: Gebäude, Straßen und Plätze, Gärten und Parks, Landwirtschaften und Kulturlandschaften. All das ist Baukultur, die von Menschen geplant und umgesetzt wird, vom Haus bis zum Acker, von der Fußgängerzone bis zur Alm. Deshalb sollten sich auch alle Menschen an der Gestaltung dieser Umwelt beteiligen können – dafür muss man ihnen die Möglichkeit geben, aber dafür müssen sie sich auch engagieren, um diese Möglichkeit zu nutzen.

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Baukultur ist die Kultur von uns allen

Mit dem Begriff Kultur ist üblicherweise die Art gemeint, wie eine Gesellschaft oder eine Gruppe von Menschen gewisse Dinge tut: Wie sie grüßt, wie sie isst, wie sie sich kleidet, welche Kunst sie produziert und konsumiert – und wie sie baut und diese Bauten nützt. Kultur ist somit das, was alle tun, nicht das, was nur wenige tun.

Das bedeutet, obwohl in der Praxis Gebäude und Landschaften heute großteils von Spezialist*innen geplant und ausgeführt werden, können diese nicht frei entscheiden, wie sie das tun, sondern sind von der Gesellschaft beschränkt. Das gilt für politische, rechtliche, ökonomische und technische Rahmenbedingungen, aber auch für kulturelle – also beispielsweise dafür, wie Menschen Wohnungen benützen, welche Art von Küchen (offene oder separierte) sie bevorzugen, welche Straßen sie benützen wollen (vorrangig dem motorisierten Verkehr entsprechende oder fußgängergeeignete), durch welche Landschaften sie reisen wollen (von Gewerbepark zu Gewerbepark oder durch bewahrte Kulturlandschaften). Und je mehr Menschen bereit sind, sich für ihre gebaute Umwelt zu engagieren, desto leichter ist es für die Bauspezialist*innen zu erfahren, welche kulturelle Nutzung von Gebäuden die Menschen wollen – wie sie bauen sollen.

Möglichkeiten für Beteiligung

In jeder Stadt, in jedem Dorf werden ständig Entscheidungen über die Gestaltung der gebauten Umwelt getroffen, die viele Menschen in ihrem Alltagsleben beeinflussen. Deshalb muss man ihnen Möglichkeiten bieten, dabei mitzuentscheiden.

In einer demokratischen Gesellschaft muss es selbstverständlich sein, dass alle Menschen die Möglichkeit haben, über ihr gebautes Lebensumfeld, über Städte und Dörfer, Landschaften und Straßen, Gebäude und Freiräume mitzuentscheiden. Leider ist das nicht immer so, vielfach wird Demokratie so missverstanden, dass die Menschen alle paar Jahre ihre Repräsentant*innen wählen und die übrige Zeit schweigen. Und es wird Freiheit so missverstanden, dass alle Menschen als Konsument*innen am freien Markt entscheiden können. Doch damit ist es nicht getan, seit einigen Jahrzehnten wird zunehmend mehr Gewicht auf Beteiligung an der Gestaltung der gebauten Umwelt gelegt. Immer öfter werden Anrainer*innen über neue Bauprojekte in ihrem Umfeld informiert und können dazu Vorschläge machen. Und Bewohner*innen eines Orts können an der Neugestaltung des Zentrums oder einer wichtigen Straße mitarbeiten und ihre Meinung dazu abgeben. Doch diese vielen kleinen Schritte in Richtung zunehmender Beteiligungsmöglichkeiten haben uns noch lange nicht dorthin gebracht, wo wir sein sollten – nämlich dorthin, dass möglichst alle durch ihre Mitarbeit und ihr Engagement die Qualität von Bauprojekten verbessern und kontrollieren und so zu einer laufenden Qualitätssteigerung von Architektur und Landschaftsarchitektur, Infrastruktur und Ingenieurbau beitragen. Bei Planungsbeteiligung handelt es sich nämlich, wie so oft in politischen Fragen, um ein Henne-Ei-Problem: Mehr Beteiligung wird es nur dann geben, wenn sich mehr Menschen am Einfordern dieser Beteiligung beteiligen.