Öffentliche Räume
für alle gestalten!

Der öffentliche Raum ist die Grundlage für unser soziales und räumliches Zusammenleben. Er bietet Platz für Aufenthalt, Bewegung, Kommunikation und Identifikation. Die enorme gesellschaftliche und individuelle Bedeutung wird häufig unterschätzt. Gemütliches und sicheres Gehen und Radfahren, schattiges Verweilen unter Bäumen oder Möglichkeiten des gemeinsamen Spielens werden dabei zu oft zugunsten anderer Interessen eingeschränkt oder verunmöglicht. Grüne Freiräume helfen auch bei der Lösung der Klimakrise und bekämpfen ihre Auswirkungen. Sie senken aktiv die reale sowie gefühlte Temperatur im Freien und ermöglichen es erst, sich draußen länger aufzuhalten.

Neugestaltung der Mariahilferstraße zur Fußgängerzone

© Ricky Rijkenberg / Bureau B+B

Das Problem

Menschen werden bei der autogerechten Gestaltung vergessen, sie werden nur als Fahrer*innen gedacht. Leben im öffentlichen Raum kann deshalb kaum mehr stattfinden.

Verschiedene Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die Nutzbarkeit des Freiraums für viele Menschen stark eingeschränkt und verändert. Die augenscheinlichsten sind der Vorrang für motorisierten Verkehr und die zunehmende Kommerzialisierung. Der Verkehr nimmt sehr viel Platz in Anspruch und lässt für Fußgänger*innen nur Resträume übrig. Die Kommerzialisierung reduziert die Flächen, die man nutzen kann, ohne zu zahlen. Das Leben und Treiben im öffentlichen Raum ist Spiegelbild der Gestaltung durch Politik und Stadtplanung. Wird er vorrangig für Autos konzipiert, werden Fußgänger*innen und Menschen, die verweilen möchten, ausbleiben, und es entstehen vielfältige Probleme:

  • Verödung und Leerstand durch die Abwanderung lokaler Nahversorger und von Kultur- und Sozialeinrichtungen, während Einkaufszentren auf der grünen Wiese das Verkehrsaufkommen drastisch erhöhen. Was früher Marktplatz und Treffpunkt war, verkommt zur reinen Verkehrsinfrastruktur.
  • Kommerzialisierung vieler Orte für privilegierte Bevölkerungsgruppen oder Tourist*innen. Lokale Bewohner*innen und deren Bedürfnisse werden in den Hintergrund gedrängt.
  • Großflächige Versieglung mit Asphalt führt zu Hitzeinseln ohne Aufenthaltsqualität.
  • Gefahr für Fußgeher*innen und Radfahrer*innen durch die Priorisierung von motorisiertem Verkehr.

Die autogerechte Stadt verunmöglicht Aufenthaltsqualiät für Fußgeher*innen und Fahrradfahrer*innen.

© bauchplan ).(

© Reinhard Seiß

Baukultur hat Lösungen!

Der öffentliche Raum ist da, wo die Gesellschaft sichtbar ist, wo der Charakter eines Ortes zum Vorschein kommt und Gemeinschaftsleben erlebbar wird.

Menschen verbringen im öffentlichen Raum ihre Freizeit und treffen sich für ihr gesellschaftliches Miteinander, wo ihnen Raum dafür geboten wird. Deshalb ist die Gestaltungsqualität des öffentlichen Raums wichtig, sie muss nachhaltig und sozial verbessert werden. Der öffentliche Freiraum bietet Platz für Naherholung und Nahversorgung und ist sozialer Treffpunkt. Wettbewerbe, Gestaltungsbeiräte und Konzeptverfahren helfen dabei, kreative Potenziale zu nützen, ein lebenswertes Umfeld mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen und Raum für alle zu bieten. Freiräume sind Orte der Identifikation und des sozialen Miteinanders. Ernst gemeinte Beteiligung vom Konzept bis zur Umsetzung berücksichtigt die tatsächlichen Bedürfnisse, verbessert die Qualität öffentlicher Freiräume und erhöht das Identifikationspotential. Eine aktive Bespielung der Erdgeschoßzonen belebt neue oder bestehende, bereits verödete Stadtteile. Ökologische Maßnahmen wie Entsiegelung, Dachbegrünung, schattenspendende Bäume und Regenwasserversickerung werten den öffentlichen Freiraum auf und mildern gleichzeitig die Auswirkungen der Klimakrise. Entschleunigung auf den Straßen ist dabei notwendig, unabhängig davon, ob es sich um städtische oder ländliche Siedlungsstrukturen handelt. Ein flächendeckender Ausbau des öffentlichen Verkehrs sowie des Radwegenetzes und der Flächen für Fußgänger*innen bilden dabei die Basis für eine sozial- und klimagerechte Entwicklung öffentlicher Freiräume. Dadurch wird es möglich, öffentliches Leben neu zu etablieren und den nötigen Freiraum den Menschen zurückzugeben.

Umbau autogerechter Räume zu einer Fussgängerzone und einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich.

© David Riek / bauchplan ).(

Hohe Aufenthaltsqualität nach Beteiligungsverfahren und Gestaltungsworkshops mit den Schüler*innen der "Graphischen" in Wien

© idealice Landschaftsarchitektur ZT

Grundlagen für Baukultur schaffen!

Auch der Bund kann seinen Beitrag zur Qualität des öffentlichen Raums in ganz Österreich leisten, bei eigenen Bauprojekten und bei der Festlegung von Rahmenbedingungen für Länder und Gemeinden.

Die wichtigsten Kompetenzen für die Gestaltung des öffentlichen Raums liegen bei den Gemeinden. Trotzdem gibt es auch wichtige Verbesserungspotenziale auf Ebene des Bundes und der Länder:

  • Einführung einer österreichischen Baukulturförderung für Stadt und Land, die hilft, gravierende städtebauliche, funktionale und soziale Missstände zu beheben.
  • Begleitet werden soll dieses Förderprogramm von einer Agentur für Baukultur, die für die Qualifizierung von Verantwortlichen, die Qualitätssicherung von Prozessen, die Entwicklung von Planungskultur sowie für Vernetzung zuständig ist.
  • Verpflichtende Bedarfsermittlung für grüne Infrastruktur in allen Städten und Gemeinden: Was braucht es an Parks, Spiel- und Sportplätzen, Naherholungsgebieten, Grünverbindungen etc. und Entwicklung von darauf aufbauenden Konzepten zur Stärkung der öffentlichen Freiräume.
  • Reduzierung der Autoprivilegien, Ausbau der Fußweg- und Fahrradinfrastruktur, Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs.
  • Einführung und Einhaltung verpflichtender Qualitätskriterien bei der Verwendung öffentlicher Mittel, inklusive verpflichtender Wettbewerbe oder Konzeptverfahren.
  • Verpflichtung bei allen Großinvestitionen, einen bestimmten Prozentsatz zur Finanzierung öffentlich zugänglicher Freiräume bereitzustellen.

Dorfplatz Zeillern, Niederösterreich
Gestaltung: nonconform

© Kurt Hörbst

Die Flußzugänge der Zwillingsstädte Bad Radkersburg und Gornja Radgona werden beidseits der ehemals trennennden Mur ermöglicht, die Grenzbrücke zum gemeinsamen Stadtplatz.

© bauchplan ).(

Mit Partner*innen aktiv werden!

Die Gestaltung des öffentlichen Raums ist ein Thema, bei dem die Initiative von vor Ort Betroffenen und lokales Engagement besonders wichtige Beiträge zur Qualität leisten können.

Gerade bei der Gestaltung und Verbesserung öffentlicher Räume sind lokale Partnerschaften sehr wichtig. Mögliche Partner*innen sind natürlich die lokale Politik, aber vor allem auch andere betroffene und interessierte Bürger*innen, engagierte Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen, Umweltschutzorganisationen, Schulen und andere Bildungseinrichtungen sowie Universitätsinstitutionen, die sich mit öffentlichem Raum befassen (Architektur, Landschaftsarchitektur, Raumplanung, Verkehrsplanung, Soziologie, Geografie etc.). In allen Bundesländern gibt es Architekturhäuser und Vermittlungsinitiativen, die ebenfalls hervorragende Partner*innen für Aktivitäten im Zusammenhang mit dem öffentlichen Raum sind.

Inbesitznahme des öffentlichen Raums beim Speed Dating der IG Landschaft bei den Architekturtagen 2019

© Gudrun Sturn