Vermittler*innen und Forscher*innen

Obwohl wir fast das ganze Leben in gestalteter Umwelt verbringen, nehmen nur wenige Menschen diese bewusst wahr. Daher ist es notwendig, Architektur und Baukultur verständlich zu machen. Diese Aufgabe übernehmen vielfach Architektur- und Baukulturvermittler*innen.
Man sieht nur was man weiß, - diese Überlegung könnte auch darauf hindeuten, dass die niedrige Präsenz des Themas Baukultur in der allgemeinen Wahrnehmung auf einen Mangel an wissenschaftlicher Auseinandersetzung in Forschung und Lehre zurückgeht.

 

Exkursion in der Seestadt Aspern, Wien

© Architekturzentrum Wien

Baukultur sehen und verstehen

Die meisten Menschen verbinden mit dem Begriff Architektur Baudenkmäler – meist hohe und alte, irgendwie besondere Gebäude wie Kirchen oder Museen. Aber nur wenige nehmen ihre alltägliche Umgebung – die eigene Wohnung, den öffentlichen Freiraum, den Arbeitsplatz, das Geschäft oder die Schule – als gestaltet wahr. Die Leistungen, die von planenden technischen Berufen erbracht werden, bleiben deshalb für die Mehrheit im Verborgenen.
Doch es ist wesentlich, wie Gebäude und Freiräume gestaltet sind – es beeinflusst das tägliche Leben sowohl mental und physisch als auch finanziell. Daher ist es notwendig, grundlegende Kenntnisse über Baukultur zu besitzen, um mündige Entscheidungen in Fragen des Bauens und Wohnens zu treffen und sich in Gestaltungsprozesse qualifiziert einbringen zu können.

Baukultur wissenschaftlich erfassen

Wie Baukultur entsteht, wie sie uns beeinflusst und wie wir selbst auf ihre Entwicklung einflussnehmen können, ist ein nur rudimentär beforschtes und entsprechend gering wissenschaftlich aufgearbeitetes Fachgebiet. Baukultur liegt mit ihrer Komplexität selten im Fokus Einzelner, sondern ist von breitem allgemeinem Interesse. Entsprechend wäre es legitim und auch notwendig, dass vermehrt und explizit Forschungsförderungsgelder von Seiten der öffentlichen Hand für dieses Thema zur Verfügung gestellt werden.

Das Berufsfeld Architektur-/Baukulturvermittlung

Architektur- und Baukulturvermittler*innen helfen beim Erkennen und Verstehen von Baukultur. Das Berufsfeld ist sehr breit und nicht formalisiert, es reicht von der wissenschaftlichen oder publizistischen Betätigung über Fremdenführer*innen, Pädagog*innen bis zur Arbeit in Institutionen der Architektur- und Baukulturvermittlung. Die Menschen, die in diesem Feld tätig sind, bringen vielfältige berufliche Hintergründe mit: Oftmals sind es Planer*innen unterschiedlicher Disziplinen, vielfach auch Absovent*innen sowie Studierende von kultur- bzw. sozialwissenschaftlichen Fächern oder einfach Menschen mit Interesse an Architektur und Baukultur. Sie alle sind bemüht, Architektur und Baukultur für unterschiedliche Nutzergruppen verständlich zu machen. Das Spektrum spannt sich dabei von Kindern und Jugendlichen über Verantwortliche im öffentlichen Dienst auf Ebene der Kommunen, der Länder und des Bundes bis hin zu Vertreter*innen von Firmen der (Bau-)Industrie und des (Bau-)Gewerbes sowie dem breiten, am Thema interessierten Publikum.

Institutionen der Architektur-/Baukulturvermittlung

Bereits 1907 wurde mit der Zentralvereinigung der Architekten (ZV) eine erste Vermittlungsinstitution gegründet, die ihren Schwerpunkt als Standesorganisation der freischaffenden Architekten mit strengen Qualitätskriterien für eine Mitgliedschaft sah, sich aber auch um Aufklärung im Hinblick auf zeitgemäßes Bauen bemühte. Wesentliche Medien waren dabei sehr ambitioniert gestaltete Zeitschriften, aber auch Ausstellungen. Mit Fertigstellung des ersten Wiener Hochhauses 1932 in der Herrengasse in Wiens Innenstadt richtete die ZV dort eine Bauberatungsstelle in einem Straßenlokal ein. Hier konnten Architekt*innen und Bauwillige in unmittelbaren Kontakt miteinander treten, und es wurden Fragen wie „Wie schütze ich mich vor Enttäuschungen beim Hausbau?“ oder „Wie soll mein Haus in der Landschaft aussehen?“ behandelt. Ganz explizit wurden damit Architekt*innen als kompetente Partner*innen beim Bauen promotet.

Eine neue institutionelle Situation ergab sich durch das Ziviltechnikergesetz von 1957, welches die Aufgaben der Standesvertretung den Architektenkammern übertrug. Die ZV sah ihre Rolle nun als kulturpolitische „Vertretung der Architektur“. So verdienstvoll die Tätigkeit der ZV war und ist, ergaben sich doch thematische Lücken, denen mit der Gründung der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA) im Jahr 1965 begegnet wurde. Wesentlich war dabei die Betonung auf Architektur, also auf die Sache statt auf die Akteur*innen – es sollte keine neue Architekt*innengesellschaft sein.

Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis 1988 mit dem Haus der Architektur Graz (HDA) die erste “moderne“ Architekturinitiative gegründet wurde, welche sich vorrangig um die Vermittlung von Architektur und Baukultur kümmerte. Dann ging es allerdings Schlag auf Schlag, und bis 1997 wurden in allen Bundesländern entsprechende Vereine gegründet, das Architektur Haus Kärnten, das afo architekturforum oberösterreich, die Initiative Architektur in Salzburg, das aut. architektur und tirol, ORTE Architekturnetzwerk Niederösterreich, das vai Vorarlberger Architektur Institut sowie der Architekturraum Burgenland. Die Architekturstiftung Österreich dient als gemeinsame Plattform.

Das Architekturzentrum Wien versteht sich mit seiner umfassenden Sammlung neben der Vermittlung aktueller Tendenzen auch als Architekturmuseum.

Darüber hinaus entstanden noch weitere Vereine und Initiativen, die sich auf spezielle thematische Schwerpunkten wie Bauen im ländlichen Raum (LandLuft) oder einer Plattform für junge, innovative und zukunftsfähige Architektur (architektur in progress), die Plattform Baukulturpolitik selbst und andere mehr.

Alle machen sich zur Aufgabe das Verständnis für Architektur und Baukultur zu heben und Menschen für das Thema zu begeistern.

Von der Architektur- und Bauforschung zur Baukulturforschung

In Österreich ist das Feld der Baukulturforschung noch kaum als eigenständige Materie ausgebildet. Entsprechend erfolgt die Erforschung baukultureller Fragestellungen integriert in etablierte Fachgebiete wie der Kunstgeschichte, der Architektur, der Bau- oder Umweltforschung, oder auch der Soziologie. Träger dieser Tätigkeiten sind Universitäten, Fachhochschulen, sowie öffentliche und private Forschungsinstitutionen. Um Fragen der Baukultur auch der Wichtigkeit entsprechend breit und interdisziplinär bearbeiten zu können fehlt es in Österreich noch an der nötigen Anerkennung und damit der Möglichkeit einer ausreichenden Forschungsfinanzierung und themenspezifischen Gestaltung von Förderprogrammen. In Deutschland besteht beispielsweise das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, welches gezielt Programme der Baukulturforschung auflegt. Die Ergebnisse dieser Forschung fließen vielfach in die Bau- und Planungspraxis aber auch in die Baukulturvermittlung ein.